Die massiven Einwirkungen von Trauma, Drogen und ihre Verflochtenheit bei BoJack Horseman
[USA 2014–2020; Raphael Bob-Waksberg]
2022
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Trauma
Einführung in die Serie
Wer ist BoJack?
Die diegetische Welt (Hollywoo)
Der Drogenkonsum in der Serie
Der Teufel im Detail
That’s Too Much, Man!
The Showstopper
The View from Halfway Down
Synthese
Schluss
Literaturverzeichnis
Einleitung
„BoJack, when you get sad, you run straight ahead and you keep running forward, no matter what. […] There’s nothing for you behind you.”[1] (S1/E12: 00:01:20)
Bereits die erste Staffel der Animationsserie BoJack Horseman zeigt einen rücksichtslosen Protagonisten, der durch seinen stetigen und exzessiven Drogenkonsum auffällt und dabei (und auch dadurch?) seine Mitmenschen nicht nur nicht selten, sondern geradezu kontinuierlich schlecht[2] behandelt. Dennoch umgibt die Figur BoJack eine Aura, die in Momenten durchscheint, in denen er verletzlich ist und die Rezipient:innen erfahren, dass seine Verletzungen, die er anderen antut, aus Verletzungen herrühren, die ihm angetan worden sind – Trauma gebärt Trauma – und Traumabewältigung gebärt Drogenkonsum.
In dieser Arbeit soll es darum gehen, jene Schlüsselmomente der Serie zu finden, zu rekonstruieren und zu analysieren, um anhand derer, die Verflechtungen von Trauma und Drogen zu entflechten und damit zu zeigen, inwieweit auch die verschiedenen Drogen einerseits zur Bewältigung und andererseits zur Produktion von Trauma dienen. Gleichzeitig werden die Darstellungsweisen von Rausch und Trauma in der Serie untersucht, wodurch jene Effekte analysiert und somit nachvollziehbar gemacht werden können, um schließlich ein Gesamtbild zu entwickeln, dem es möglich ist, den Schauder und die Schönheit von BoJack Horseman angemessen beleuchtet, wiederzugeben.
Dazu soll zunächst der in dieser Arbeit verwendete Begriff Trauma auf der Grundlage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders definiert werden, bevor einführend in die Thematik und Ausgangssituation der Serie eingeleitet wird. Anschließend wird mithilfe einer Analyse von drei ausgewählten Episoden, die je einer jeweiligen These folgen wird, ‚das Trauma‘ in BoJack Horseman herausgearbeitet.
Welche traumatischen Erlebnisse durchleb(t)en die Figuren der Serie? Welche Traumata verbinden sie und welche Rolle spielen Drogenkonsum und Realitätsflucht? Wie gelingt es BoJack Horseman, diese Erlebnisse und eine große Dunkelheit im Gewand einer Animationsserie so herüberzubringen, dass der Umstand des ‚Zeichentricks‘ eine Ernsthaftigkeit und ein ‚Gefühl von Realität‘ nicht hemmt, sondern gar fördert?[3] Anders ausgedrückt: Wie entsteht diese Authentizität und Nahbarkeit, in der die Animation in den Hintergrund überzugehen vermag und durch Subjektivierung, vorsichtigen Dialog und Soundkulisse mit Musik, die Rezipient:innen so ‚nah an sich heranlässt‘?[4]
Trauma
„[I]f I don’t write it now then it means that all that damage was for nothing. It isn’t good damage, it’s just damage”. (S6/E10: 00:23:40)
Um im Folgenden mit einem weitestgehend gesicherten Begriff von Trauma umgehen zu können, wird dieser nun mithilfe des DSM für diese Arbeit herausgearbeitet. Vorab sei zu erwähnen, dass sich der dort befindliche und genutzte Trauma-Begriff auf der einen Seite sehr wohl mit dem auch in der Serie explizit erwähnten Begriff überschneidet (dies wird insbesondere an den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) deutlich, von denen BoJack eine ganze Reihe aufweist)[5], als Trauma per se beschreibt das DMS jedoch Ereignisse, die „tatsächliche oder potenzielle Todesbedrohungen, ernsthafte Verletzungen oder sexuelle Gewalt bei sich oder anderen“[6] beinhalten. „There is confusion among the general population about what ›traumatic‹ means. In popular parlance, people use the term not only to describe truly traumatic events, but also to describe events that are merely unpleasant (such as missing a plane).”[7] Die Definition von Trauma, die für diese Arbeit am ergiebigsten erscheint, wird jene sein, die sich zwischen den Polen absoluter klinischer Korrektheit und allgemeiner, öffentlicher Meinung bewegt. Zweifelsohne trifft folgende Beschreibung auch auf BoJack (und andere Protagonist:innen aus der Serie) zu: „Psychological trauma can occur when a person experiences an extreme stressor that negatively affects his or her emotional or physical well-being.“[8] Auch werden „Erfahrungen ohne direkte körperliche Gewalt oder Verletzungen, die aber dem Entwicklungsstand unangemessen sind[, bei Kindern]“[9] als traumatisch eingestuft. Dazu gehören Situationen in der Serie wie: „You better grow up to be something great to make up for all the damage you’ve done.” (S2/E1: 00:01:15) und „I’m punishing you for being alive.” (S2/E9: 00:01:00), als BoJacks Mutter Beatrice den neunjährigen Sohn dabei erwischt, wie er eine Zigarette rauchte, die er seiner Mutter aus der Handtasche klaute, weil er es im Fernseher bei seinem Vorbild Secretariat gesehen hatte und ihn dazu zwingt, sie aufzurauchen; Trauma und Drogen.
So sind zahlreiche Beispiele zu finden, in denen gerade das Kind BoJack seinem Entwicklungsstand unverhältnismäßig behandelt worden ist. (Nicht nur) diese Traumata manifestieren sich in BoJack als PTSD. „Psychologische Stresssymptome infolge der Konfrontation mit einem traumatischen oder stressreichen Ereignis können sehr verschieden sein.“[10] So gehören zu den Kriterien zur Diagnose von PTSD unter anderem:
“Intrusionen/Wiedererleben, z. B.: Sich aufdrängende schmerzliche Erinnerungen an das traumatische Ereignis (Intrusionen, blitzlichtartige Erinnerungsbilder, »Flashbacks«); Belastende Träume oder Alpträume; Intensive psychische Belastung oder körperliche Reaktionen bei der Konfrontation mit Situationen oder Stimuli, die an das Trauma erinnern. Vermeidungssymptome, z. B.: Gedanken- und Gefühlsvermeidung in Bezug auf das erlebte Trauma; Situations- und Aktivitätsvermeidung in Bezug auf das erlebte Trauma. Chronisches Hyperarousal (Übererregung), z. B.: Reizbarkeit oder Wutausbrüche; Riskantes und selbstzerstörerisches Verhalten; Konzentrationsschwierigkeiten; Schlafstörungen (z. B. Ein- und Durchschlafstörungen); Schreckhaftigkeit und Erregbarkeit. (Nur im DSM-5): Negative Veränderungen in Kognition und Stimmung, z. B.: Unfähigkeit, sich an wichtige Aspekte des Traumas zu erinnern; Negative Grundüberzeugungen; Anhaltend verzerrte Kognitionen hinsichtlich der Ursachen und Folgen des Traumas; Deutlich vermindertes Interesse oder verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten; Andauernde negative emotionale Zustände oder Unfähigkeit, positive Gefühle zu empfinden”[11][.]
Weiterhin sind es folgende Faktoren, die der Bewältigung der vorliegenden Traumata hinderlich gegenüberstehen:
“Gedankenunterdrückung und Gefühlsvermeidung, Nicht-darüber-Reden-Wollen, dysfunktionales Sicherheitsverhalten, ablenkendes Beschäftigen mit Teilaspekten (z. B. Kontrollgänge zum Unfallort bei gleichzeitiger Gefühlsvermeidung), exzessiver Ärger und Wut sowie Selbstzufügen ablenkender Schmerzreize, z. B. Sich-Schneiden bei Borderlinepatienten. […] Beispiele häufiger dysfunktionaler Gedanken (Kognitionen) bei [PTSD] [g]egenüber der Welt, anderen Personen sowie der eigenen Person: Man kann anderen Menschen nicht vertrauen. Die Welt ist schlecht und ungerecht. Ich bin anderen Menschen unterlegen. Zur Bedeutung des Traumas und der erlebten psychischen Veränderungen: Es ist meine Schuld. Vielleicht werde ich verrückt. Mein Leben ist ruiniert. Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich werde nicht lange leben.”[12]
Mit Schau auf diese beiden Aufzählungen der Kriterien für PTSD und ihren „Aufrechterhaltungsfaktoren“[13] ist das Erkennen einer Überschneidung zu unserem Protagonisten unumgehbar. Wie diese Faktoren jedoch in der Darstellung und Präsentation der Serie in Erscheinung treten, wird ein großer Teil der folgenden Arbeit werden. Wie wird Trauma wiedergegeben? Und wie wird gleichzeitig Trauma erfahrbar und persönlich abgebildet? Wie wird damit ‚umgegangen‘? Und welche Rolle spielen Drogenerfahrungen hierbei?
Einführung in die Serie
Wer ist BoJack?
„Yeah, and I know that’s not the woke, progressive, intersectionally appropriate thing to say, but I would say, yeah. I’m the one who has suffered the most because of the actions of BoJack Horseman.” (S5/E10: 00:19:00)
BoJack Horseman ist ein Schauspieler, der vor Jahrzehnten mit der Sitcom Horsin‘ Around sehr erfolgreich war und seitdem unter diesem Erfolg einerseits leidet und andererseits als Grund dafür nutzt, sich auch über andere zu erheben. Er selbst beschreibt es folgendermaßen: „I am a famous. […] Everyone gives me everything I want all the time. It is an existential curse, but a huge day-to-day convenience.” (S4/E9: 00:04:05)
Seit Beginn der Serie ist BoJack mehr oder weniger auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens und kämpft dabei mit eigenen Dämonen seiner Vergangenheit und ist darauf bedacht, dass Menschen ihn trotz seiner Fehltaten als guten Menschen sehen. Er trinkt viel zu viel, konsumiert verschiedenste Drogen über alle Maße und verhält sich anderen gegenüber oftmals rücksichtslos. Sein ehemaliger Freund und Kollege Herb, den er nach seinem Outing sozusagen vergisst, analysiert:
“You know, what your problem is? You want to think of yourself as the good guy. Well, I know you better than anyone, and I can tell you, that you’re not. In fact, you’d probably sleep a lot better at night if you just admitted to yourself that you’re a selfish goddamn coward who takes whatever he wants and doesn’t give a shit about who he hurts.” (S1/E8: 00:22:50)
BoJack wird in eine dysfunktionale Familie geboren, in der Liebe und Zuneigung keine erkennbaren Rollen spielen, sondern Erwartungen und Druck geschürt werden, die im Laufe seines Lebens natürlich nur enttäuscht werden können. In einem Telefonat mit seiner Mutter, eröffnet sie ihm folgende familieninterne ‚Wahrheit‘: „the ugliness inside you. You were born broken, that’s your birthright. You’re BoJack Horseman. There is no cure for that.” (S2/E1: 00:24:00) Auf den anstehenden Tod seiner Mutter reagiert BoJack eindeutig: „[N]ow she’s gonna die and never know how much I hated her”. (S4/E5: 00:24:20) Auf der Beerdigung, die als kompletter Monolog BoJacks in der Serie dargestellt wird, rechnet er in aller Deutlichkeit mit seiner Mutter ab: „I’m sorry, Mother, you’re not a huge bitch. You were a huge bitch… and now you’re dead.” (S5/E6: 00:15:50) Die Familiensituation beschreibt er in folgender Weise: „All three of us were drowning and we didn’t know how to save each other.” (S5/E6: 00:17:50)
Am Ende überwiegt bei ihm sicherlich eine Ernüchterung, die den Hass und die Wut auf seine Eltern ein wenig zu verdrängen vermag. „And that’s what losing a parent is like.” (S5/E6: 00:23:20) Es hätte besser sein können – alles war parat, gut zusammenzupassen, alle Teile waren vorhanden, doch dazu gekommen ist es nicht.
Die diegetische Welt (Hollywoo)
“I’m not worried about if you’ll become a star. I’m more worried about how you’ll change when it happens. […] Look over there. See those tar pits? Hollywood’s a real pretty town that’s smack on top of all that black tar. By the time you realize you’re sinking, it’s too late.” (S1/E8: 00:06:15)
Die Serie spielt in einer fiktiven Version von Hollywood, die sich auch im Namen ihrem Vorbild angleicht. BoJack Horseman wirft ein differenziertes, jedoch in der Gesamtheit ein eher vernichtendes Bild auf Hollywood und reflektiert das Showbusiness in einer Weise, die vermehrt die Schattenseiten dieses Ortes und der Industrie beleuchtet. Das vorangehende Zitat, das Charlotte an BoJack richtet, scheint sich im Verlaufe der Geschichte tatsächlich zu bewahrheiten und auch in der realistischen Parallele, dem ‚Vorbild‘ zur Serie, sind ‚sinkende Schicksale‘ gehäuft zu erkennen, wenn der Erfolg und die Bekanntheitsgrade zu groß zu werden scheinen. In zahlreichen Anspielungen und Beispielen werden deutliche Referenzen zum ‚echten Hollywood‘ gegeben, so dass BoJack Horseman in Gänze sicherlich auch als Reflexion Hollywoods und einer kapitalistischen (und in einem gewissen Rahmen rücksichtslosen) Gesellschaft des Showbusiness gelesen werden kann. Ein besonders qualifiziertes Exempel dafür ist Episode fünf der vierten Staffel Thoughts and Prayers. Ein Amoklauf in einem Einkaufszentrum bringt eine Filmproduktion ins Wanken und weitere folgende mass shootings verlieren aufgrund der Häufigkeit an (emotionaler) Bedeutung. Während der erste ‚Vorfall‘ noch durchaus schockt und überrascht, werden im Verlaufe der Folge lediglich thoughts and prayers, gesprochen wie einstudiert und ohne wirkliche Bedeutung, als Konsequenz auf diese Ereignisse erbracht. In dieser Episode ‚verbirgt‘ sich eine deutliche Kritik an der Waffenpolitik in den USA, gleichzeitig aber auch deren Reflexion im Film Hollywoods. Der Serie gelingt es unheimlich gut, komplexere Umstände und Diskurse mithilfe ihrer doch besonderen Machart nicht nur anzuschneiden, sondern sich gleichzeitig deutlich zu positionieren.
In einer Welt, die sich Menschen und anthropomorphisierte Tiere gleichermaßen teilen wird mit Vorurteilen gespielt, menschliche und tierische Verhaltensweisen mithilfe animalischer Gestalten reflektiert und persifliert. Dies öffnet eine Ebene voller Kreativität und eine Grenzauflösung zu der auch ganz stark die Animation beiträgt. Deutlich wird das Potenzial der Verknüpfung von Mensch und Tier im Gewand einer zwar realistischen und sich doch der Realität entfernenden Animationstechnik und -art u.a. in der vierten Episode der dritten Staffel Fish Out of Water, in der BoJack zur Vorstellung des Films Secretariat am Pacific Ocean Film Festival teilnimmt, welches sich unter Wasser befindet. Dort scheint zunächst ein ähnliches Leben vonstattenzugehen, wie oberhalb der Wasseroberfläche. Der große Unterschied liegt jedoch zum einen in der Soundkulisse, die sehr dumpf klingt und in der Umsetzung eigene Unterwassererfahrungen sehr gut widerspiegelt und zum anderen in der gesprochenen (und geschriebenen) Sprache der ‚Unterwasserwelt‘. Obwohl es eine technische Lösung zur Übersetzung der Überwasserweltsprache in die Unterwasserweltsprache und vice versa gibt, gelingt es BoJack nicht, diese zu erkennen oder gar zu nutzen. Seine isolierte Stellung in dieser ihm fremden Welt kulminiert in dem Ende der Episode, als er schließlich lernt, dass zum Erfolg der Übersetzung ein Knopf neben Sauerstoffhelm betätigt werden muss, der ihm letztlich jegliche Behinderungen, die er im Laufe der Episode durchlebt hat, genommen hätte. Ein Überwasserbewohner spricht zu BoJack mithilfe des Knopfdruckes und ist somit die erste (und einzige) Stimme, die BoJack und die Rezipient:innen zu hören bekommen: „Hey, move it, buddy. What, are you deaf?“ Tatsächlich hat er mit seiner Behauptung recht behalten: BoJack ist taub gewesen. Umso nachvollziehbarer ist dessen Reaktion auf die Realisierung seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Untermalt von dem Song Sea of Dreams[14] der US-amerikanischen Band Oberhofer,wirft er im Close Up seinen Kopf in den Nacken, nachdem er besagten Knopf betätigt, was in dem emotionalen Höhepunkt der Episode und des Liedes gleichzeitig mündet: „Oh, you have got to be ki-“. Nicht einmal seinen ersten und einzigen Satz unter Wasser darf BoJack hier zu Ende führen, sondern wird durch Sea of Dreams unterbrochen: „You’ll find me in a sea of dreams where no one cares about my words.“ (S3/E4: 00:24:50)
Der Drogenkonsum in der Serie
„Just need something to help me focus. Coffee. No, no. Cigarettes. No, tequila! Ah, no, I just need the right music… to do drugs to.” (S1/E11: 00:07:38)
Drogen und deren Konsum stehen bereits zum Start der Serie an hoher Stelle. So beginnt der Einstieg der Serie mit einem incredibly drunk BoJack, der zum Frühstück Vodka und Pillen mischt.
Alkohol, aber auch der Konsum ‚härterer‘ Drogen ist in BoJacks Umfeld weitgehend akzeptiert und so wundert es kaum, dass sich BoJack dazu entscheidet, eine ‚bessere‘ Version seiner Memoiren unter Einfluss von einigen Drogen verfassen zu wollen, da ihm die ehrliche und ihn tatsächlich darstellende Version, die Diane verfasst hat zunächst missfällt: „I just hated reading that book because I hated feeling like that’s how you saw me. Because I guess you know me better than anybody, and if you think that- Um, I guess my question is, do you- Do you think it’s too late for me?” (S1/E11: 00:23:00) Am Ende des wilden und ausufernden Trips kommt BoJack zu ebenjener Erkenntnis. Innerhalb des Trips begegnen BoJack auf seine Traumata. Im Spiegel erkennt er ein außerdiegetisches, reales Pferd, das für sein ‚verschobenes‘ Selbstbild stehen könnte (S1/E11: 00:11:15), auch sieht er seine Mutter, die ihm mitteilt: „You have an audience, and they want to hear you sing.” (S1/E11: 00: 18:00) und zum Ende der Serie sieht er sich in einem alternativen Leben, mit seiner ehemaligen Bekannten Charlotte, die ihn vor den ‚Gefahren‘ Hollywoods (Anfangszitat 3.2) gewarnt hatte.
Drogen sind in BoJack Horseman nie nur Mittel zur Realitätsflucht, oder als Zündmittel für die Feierei, ö.Ä. Lisa Hanawalt, production designer und producer der Serie beschreibt den Umgang mit Drogen in der Serie folgendermaßen: „›Because usually, a drug trip sequence would just be silly and fun,‹ Hanawalt said. ›But this was really used as a way to explore his deepest memories and fears, which I think is really unique about this show.‹”[15] Und das gelingt BoJack Horseman auch unheimlich gut.
Nach der kurzen Rahmung und dem Setzen der Ausgangslage folgt nun eine nähere Betrachtung dreier Episoden der Serie, an denen das Thema der Arbeit recht gut nachzuvollziehen ist.
Der Teufel im Detail
Die Auswahl der näher zu untersuchenden Episoden kann im Hinblick auf die Vielzahl der außerordentlich geeigneten Folgen keine leicht zu treffende sein. BoJack Horseman bietet scheinbar unerschöpfliches Material, um allerlei Themenbereiche und deren Rezeptionen näher zu beleuchten. Aufgrund der Begrenzung dieser Arbeit ist die Auswahl nun auf folgende Episoden gefallen, die im Kontext des Seminares und des Themas dieser Arbeit besondere Relevanz versprechen dürften.[16] Anhand dreier Schlüsselepisoden soll die massive Wirkung von Trauma im Zusammenspiel mit ausartendem Drogenkonsum, letztlich derlei Konsequenzen aufgezeigt und immer auch die Darstellungsweise nicht aus den Augen verloren und damit die Effekte erkannt werden, die BoJack Horseman in der Zuschauerschaft zu erwecken weiß. Begonnen wird mit der elften Episode der dritten Staffel: That’s Too Much, Man!
That’s Too Much, Man!
„To life and being done with it“. (S3/E11: 00:03:00)
Die nun zu besprechende Episode elf der dritten Staffel, die eine recht ‚schwere‘ Folge der Serie ist, soll in Hinblick auf die Frage nach der Schuld von Sarah Lynns Tod gelesen werden. Um herausfinden zu können, inwieweit BoJack Horseman Trauma entweder als Schuld zeichnet, oder Trauma etwa als Folge einer Schuld beschreibt, (oder Trauma in einem komplexeren, nicht auf den Punkt zu bringenden Definitionsgrund hin nutzt) soll sich der (Un-)Schuld an Sarah Lynns Tod genähert werden. Ist BoJack verantwortlich für den tragischen Tod? Ist es Sarah Lynn? Sind es Drogen? Wenn ja, in welchem Maße? Wie geht die Serie mit diesem Umstand um und wie stellt sie diesen dar und wie bedingen sich die Theorien gegenseitig – gibt es in der diegetischen Welt überhaupt eine Antwort auf die Tragödie der Ophelia von BoJack Hamlet?
Bereits im Opener, der mit „angelic music“ begleitet wird und woraufhin ein Gemälde zu sehen ist, wird letztlich in Rückschau angeteasert, was einem am Ende der Episode begegnet. Als Referenz des Gemäldes dient John Everett Millais‘ Ophelia von 1851–1852, das in der Tate Gallery in London zu sehen ist. Euphorisch beginnt ein Morgen, der so nicht wiederzukehren in der Lage zu sein scheint. Reimend begrüßt Sarah Lynn, begleitet im Rhythmus ihres Beinahe-Gesangs ihre Mitarbeiter:innen, bevor sie durch zwei Paparazzi und deren Blitze der Kameras kontrastreich in die Realität ihrer eigenen Identität zurückgeworfen wird. In der Privatheit ihres Anwesens und durch Techniken der Selbstkontrolle, gelingt es ihr, sich wieder auf die Positivität ihres Zustandes zu fokussieren. Bezeichnenderweise ist der Beginn der Episode schon so einseitig positiv dargestellt, dass die Zuschauerschaft einen gewaltigen Bruch beinahe erwarten muss. Während sie an ihrem Kalender, der ihr „You can do it!“ versichert, ihr neunjähriges Jubiläum der Nüchternheit zu feiern beginnt, wird sie durch einen Telefonanruf gestört. Ohne Rücksicht auf ihre Situation zu nehmen, ohne nachzufragen oder sonst Anstalten zu machen, nicht vollkommen selbstzentriert zu handeln, fragt BoJack genau eine Frage: „Hey Sarah Lynn. You wanna party?“ (S3/E11: 00:01:25) Auf die Komplexität der Beziehung von BoJack und Sarah Lynn soll im weiteren Verlauf noch weiter eingegangen werden. Für den Moment soll der Egoismus von BoJack und die selbstsüchtige Achtlosigkeit im Vordergrund stehen.
In der vorangehenden Episode It’s You, in der BoJack, motiviert durch ein Streitgespräch mit Diane, in dem BoJack schließlich von sich gibt: „No one’s gonna be there when I kill myself? Listen to that chanting, Diane.“ (S3/E10: 00:07:10), feiert BoJack zunächst im Exzess seine vermeintliche Oscarnominierung, daraufhin, getrieben von seinem Gefühl von Macht, Übermut und Leichtsinnigkeit steigt er in seinen Tesla, den er als Geschenk für seine Nominierung erhielt und rast rückwärts damit in seinen Pool, um jene Szene in die Serie zu bringen, die einem in jedem Intro in berühmtem Gewand begegnet. Zum Ende der Episode, mit dem Auto noch halb im Pool hängend, kommt es zum Bruch zwischen Todd und BoJack:
“You can’t keep doing this! You can’t keep doing shitty things, and then feel bad about yourself like that makes it okay! You need to be better! […] You are all the things that are wrong with you. It’s not the alcohol, or the drugs, or any of the shitty things that happened to you in your career, or when you were a kid. It’s you. All right? It’s you. Fuck, man. What else is there to say?” (S3/E10: 00:25:00)
Todd zeigt eine sehr deutliche Stellung zur Trauma-/Schuldproblematik, doch müsste für eine genaue Analyse Todds Begriff des You genauer bestimmt (nach Derrida dekonstruiert) werden. Inwiefern wird das, was uns in traumatischen Erlebnissen begegnet, der jahrelange Konsum von etwaigen Substanzen und all die shitty things zu dem You, zu uns?
Zunächst zurück zu der in diesem Kapitel zur bearbeiteten Folge: Im ersten Dialog zwischen BoJack und Sarah Lynn ist bereits zu erkennen, dass sich das, was im Folgenden zutragen wird, mit einer etwaigen ‚Aufarbeitung‘ der Vergangenheit und einer gesunden Bewältigung der verschiedenen shitty things, wie Todd es bezeichnen würde, nicht kommen wird. Das Geräusch des Mixers übertönt BoJacks Anstalten, sich Sarah Lynn gegenüber zu öffnen und ihr so mitzuteilen, dass es ihm nicht gut geht. (S3/E11: 00:02:30) Die gemeinsame Konsequenz, auf das Leid im Leben zu reagieren, auf der einen Seite die Nicht-Nominierung für einen Oscar und auf der anderen Seite die ‚Nüchternheit‘ der sobriety, ist der Entschluss, sich auf einen epic bender zu begeben: „We can clear out my bank account. I got nothing left I care about.“ (S3/E11: 00:03:10) Der den bender endgültig einleitenden Trinkspruch ist in Retrospektive ein tragischer Schlachtruf, der das Ende gebührend – möchte man sagen – einläutet: „To life and being done with it!“ (S3/E11: 00:03:40) Recht zügig schließen sich Blackouts an, in denen die Rezipient:innen BoJack folgen. Der Screen wird schwarz und wie ein Sog zieht es einen in die nächste Szene, in der BoJack erst langsam realisiert, dass er gerade einen Blackout hatte. Das Publikum teilt diese Erfahrungen mit BoJack: Sie sind auf ihn zentriert. Mit weit aufgerissenen Augen ‚wacht‘ er auf und die Konsequenz auf diesen Schock ist weiterhin ausufernder Konsum von verschiedensten Drogen. Die erste größere Konsequenz dieses unbewussten Handelns von BoJack bringt ihn zu einem 12-step meeting, zu dem er Sarah Lynn begleitet. Provoziert von Erzählungen von Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer:innen des Treffens, treibt es BoJack auf die Bühne, weil er glaubt, sein Trauma und sein Schmerz seien größer, dunkler und more shitty als die vorgetragenen Schicksale zuvor. Er berichtet von Penny, der Tochter seiner früheren Bekannten Charlotte, die er besucht hatte. Es kam zu einem Zwischenfall, ließe sich sagen und BoJack beteuert im weiteren Verlauf der Serie, dass nichts zwischen ihm und Charlottes Tochter passiert sei. Doch auch sagt er: “I keep asking myself if her mother didn’t walk in, would I have done it? And part of me is sure that I- I couldn’t. But another part knows that’s a lie. How do you make something right when you’ve made it so wrong you can never go back?” (S3/E1: 00:11:55)
Nach der Erzählung bei dem 12-step meeting konstatiert BoJack, der die Spuren des benders schon an Kleidung und Gesicht trägt: „The worst part is, I don’t even know what happened after I left. Did I ruin the family? Did I scar that little girl for life? I don’t know. I’ll never know. And that’s just, like, one of a billion things that I have going through my head all the time.” (S3/E11: 00:08:00) Die Sorge vor der Gewissheit, dass BoJack selbst (wie in billion other situations) für traumatische Erlebnisse anderer verantwortlich sein könnte, nagt an ihm, weshalb er, nachdem Sarah Lynn ihm von einer wichtigen Grundlage der 12-steps berichtet, dazu ‚entscheidet‘, Wiedergutmachung zu betreiben und im berauschten Glauben, dass es Sinn mache und gut sei, zur Universität von Penny zu fahren, um sich für seine Taten bei ihr zu entschuldigen.
Spätestens an diesem Punkt lässt sich ein herber Kontrollverlust nachvollziehen. Nach einer Tour der Wiedergutmachung, auf der BoJack mehr halbherzig bei den Personen ‚um Vergebung bittet‘, die er über die vergangenen Monate verletzt hat, kommt heraus, dass die Blackouts, die er weiterhin erlebt, länger und gefährlicher ausarten, als befürchtet. Was BoJack als einen Abend erfährt, sind in Wirklichkeit zwei Wochen. Das Interessante dabei ist vor allem, dass die Zuschauerschaft ähnlich geschockt auf diese Neuigkeiten reagiert, wie der Protagonist selbst; die Gefährlichkeit und Ernsthaftigkeit diesen Drogentrips wird mit weiterem Verlauf immer deutlicher. Als es Ana, seiner ehemaligen Agentin und Partnerin schließlich gelingt, ihm die Geschichte von sich als Rettungsschwimmerin zu erzählen, ebnet die Episode eine weitere Ebene:
“On my first day of training, my instructor told me that there are going to be times when you’ll see someone in trouble. You’re going to want to rush in there and do whatever you can to save them, but you have to stop yourself, because there are some people you can’t save. ‘Cause those people will thrash and struggle and try to take you down with them.” (S3/E11: 00:14:50)
Fast tragisch antwortet BoJack: „What does that have to do with me?“ Die Tour der Wiedergutmachung wird zur Farce und die Deutlichkeit von BoJacks inneren Problemen und die Schwere der Konsequenzen seines Handelns während des benders, klarer. Sein ‚waches Ich‘, welchem es gelingt, zwischen den Blackouts an die Oberfläche zu kommen, scheint überhaupt keine Kontrolle mehr über sich selbst zu haben, so wirkt auch ein mehr als 30-stündiger Roadtrip von LA nach Ohio in diesem Zusammenhang plausibel. In einem solch ‚wachen Moment‘ wird ihm dieser abstruse Zustand bewusst. Selbstverständlich ist es eine grauenhaft schlechte Idee, zu Penny zu fahren, und das auch noch unter Einfluss von Drogen nach so langer Zeit. Es ist ein fast beklemmendes Gefühl, das die Rezipient:innen zu fühlen im Stande sein müssen, wenn sie BoJack und Sarah Lynn dabei verfolgen. Dazu gehört auch Sarah Lynns Behauptung: „Hey, you were a father figure, who was sexually inappropriate to me, and I turned out perfect.” (S3/E11: 00:17:40) Ob es tatsächlich ein perfekter Zustand ist, sich am Tag der neunjährigen Nüchternheit auf einen wochenlangen, sehr extremen bender zu begeben, scheint an dieser Stelle nicht ernsthaft nach einer Beantwortung zu verlangen.
Zurück aus Ohio, konsumieren BoJack und Sarah Lynn Heroin, welches aus der subjektiven Sicht BoJacks dazu führt, dass sich die Grenzen sozusagen auflösen und er sich in seinen Erinnerungen wiederfindet. Er spricht zu seinem ehemaligen Produzenten der The BoJack Horseman Show Cuddlywhiskers über schlechte Einschaltquoten. In einer sehr intelligenten Weise vermischt BoJack Horseman hier die vierte Wand, BoJacks Innerlichkeit und die Gedanken der Rezipient:innen: „I was afraid your character trying heroin would be a bridge too far. […] And the disjointed blackout structure, with the one flashback in the middle, really confused our audience. […] They hated all the fourth-wall-breaking meta jokes.” (S3/E11: 00:20:03) Die gesamte Kulisse beginnt während dieses Flashbacks mehr und mehr an, zu wackeln. Als unterbreche ein Erdbeben seine Erinnerungen. Er wacht aus ihr heraus, als Cuddlywhiskers ihn als ‚so etwas wie einen Vater für Sarah Lynn‘ bezeichnet.
Es folgt das tragische Ende der Episode, mit immer zahlreicher werdenden Blackouts und der gegenseitigen Beteuerung, dass nur sie beide sich verstehen können und sie nichts anderes brauchten als sich. Endlich im Planetarium, dem Ort Sarah Lynns Begierde angekommen, versucht BoJack sie aufgrund ihrer zuvor aufkommenden Panik zu trösten:
“See, Sarah Lynn, we’re not doomed. In the great grand scheme of things, we’re just tiny specks that will one day be forgotten. So, it doesn’t matter what we did in the past, or how we’ll be remembered. The only thing that matters is right now, this moment, this one spectacular moment we are sharing together. Right, Sarah Lynn? Sarah Lynn? Sarah Lynn?” (S3/E11: 00:24:08)
Sarah Lynn stirbt nachdem, wie der weitere Verlauf der Serie zeigt, BoJack 17 Minuten wartet und ausharrt, bevor er den Notruf betätigt. Auch dieser Fakt trägt zu der Spirale von Trauma, dem Griff zu etwaigen Substanzen und stetig intensivierenden Realitätsverzerrung und -verlust, bei.
Die folgende Episode That Went Well, das Staffelfinale der dritten Staffel, endet mit Untermalung von Stars[17] von Nina Simone und einem von seinem Blick auf eine Gruppe wilder, galoppierender Pferde, unterbrochenen Suizidversuch BoJacks. „We always… We always… We always have a story.”
Die nächste Episode, die sich in näherer Betrachtung zugewendet werden soll, ist eine weitere Schlüsselepisode der Serie, die im Hinblick auf die Darstellung des Realitätsverlusts des Protagonisten untersucht werden soll. In ihr zeigt sich eine Drastik in BoJacks Handeln, die einmal mehr in einem ‚Unglück‘ endet. Der Verfall seiner eigenen Persönlichkeit und die Leichtsinnigkeit in seinem Drogenmissbrauch zieht immer weitere Kreise.
The Showstopper
„What the fuck is wrong with you?” (S5/E11: 00:23:50)
Die Folge The Showstopper beginnt mit einigen Flashbacks der Serie Philbert, deren Hauptrolle BoJack spielt. Darauf folgt, statt des zu erwartenden BoJack Horseman Intros, das Intro der in der zu betrachteten Serie produzierten Detektivserie à la True Detective[18]: Philbert. Wie sich im weiteren Verlauf dieser Analyse zeigen wird, verwechselt und vermischt BoJack mehr und mehr seine Rolle, die er zu übernehmen hat mit seiner eigenen Person. Dass sich die Eskalation seines psychischen Zustandes auf diese Weise durch das Intro ankündigt, ist überaus gelungen orchestriert. Bereits zu Beginn der fünften Staffel, in einem sich langsam anbahnenden und intensivierten Prozess, bringt BoJack die Realitäten durcheinander – bedingt durch die exakte Kopie seines Hauses für das Set von Philbert und seinen stetig wachsenden Konsum verschiedener Substanzen, sowie durch das Tragen des Philbert-Kostüms auch in der Freizeit. Diese Wechsel von BoJack zu Philbert und zurück häufen sich im Verlauf der Staffel extrem, bis sie in The Showstopper ihren Höhepunkt finden.
Zu Beginn der Episode, am Set von Philbert, steigern sich BoJacks Paranoia. Er stellt krude Theorien auf, wie eigene Erfahrungen ihren Weg in die Serie gefunden haben sollen. Als Princess Carolyn, BoJacks Agentin/Managerin und ehemalige Partnerin, ihn in einem Trailor eines anderen Schauspielkollegen findet – in Philbert-Kostüm und ähnlich an der Lösung eines Rätsels bemüht, wie die Rolle, die er spielt, antwortet BoJack: “Oh, I guess, I’ve been a little distracted.” (S5/E11: 00:05:30) Nach dem Drehtag, zuhause mit Gina im Bett liegend, gelingt es ihm nicht, Ruhe zu finden und er teilt seine Vermutungen mit ihr. Als er seine Fassung verliert und erkennt, dass sein Verhalten gerade nicht der Norm entspricht, sagt er sich, in Philbert-Manier: “Watch it, BoJack. You’re losing it. Gotta be cool for Gina.” (S5/E11: 00:07:10) Seine Reaktion auf seine eigene Erkenntnis des Sich-außerhalb-der-Norm-befindens ist, in sein Badezimmer zu gehen und weitere Pillen, die er aus einer Dose, in der sie versteckt sind, entnimmt, zu sich zu nehmen. Halluzinationen zeigen sich ihm. Er bleibt verwundert stehen und sieht eine Treppe, die sich einem hellen Licht nähert. Am nächsten Morgen präsentieren sich weitere Drogenverstecke, die absurder nicht sein können und welche den bereits angesprochenen Kontrollverlust untermalen. Im weiteren Verlauf vermischen sich die Storylines von BoJacks day-to-day und Philbert immer mehr. BoJack ist davon überzeugt, Opfer einer Erpressung zu sein und entscheidet sich Charlotte anzurufen, was als Zuschauer:in als absolutes Versagen der Erhaltung irgendeiner Rationalität interpretiert werden muss. Gegeben, was sich in New Mexico zugetragen hat, scheint dieser Anruf der absolute Inbegriff seines dramatischen Zustandes darzustellen. Unter keinen ‚normalen‘ Umständen (wie sich noch deutlicher später in der Folge herausstellt, wenn entschleiert wird, was hinter der Erpressung steckt) ist dieser Anruf gerechtfertigt – in BoJacks mentalem Zustand schon. Wie in einem Zwiegespräch mit seiner eigenen Innerlichkeit, versucht er geradezu verzweifelt sich selbst seines Absturzes bewusstzumachen: “No. Don’t call Charlotte. That’s a terrible idea. Don’t do it.” (S5/E11: 00:11:10) BoJack ist sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher, wann er an welchem Ort ist, verwechselt den Namen seiner in-life und on-set Partnerin und lebt seine Verschwörung öffentlich aus. Als er schließlich glaubt, den Grund der Verschwörung aufgedeckt zu haben, eskaliert sein Zustand in Todds Büro. Es folgt der Zusammenfall der Kulisse, in der sich BoJack inmitten von Dunkelheit, völlig verängstigt wiederfindet und Gina bei der Aufführung eines Musicals zuschaut: “Don’t stop dancing.” (S5/E11: 00:18:40) Wieder zu sich gekommen, konfrontiert Gina BoJack mit seiner aufgedeckten Drogenabhängigkeit und parallel zur Lösung in Philbert reagiert BoJack/Philbert gewalttätig auf das Bloßstellen seiner eigenen Person. In einer Wechselmontage springt die Szene von Philbert zu BoJack und zurück und als Gina ihn korrigiert, als er beteuert lediglich zerstreut zu sein und ihn direkt auf den Konsum anspricht, erwidert BoJack: “No, that’s not high, Gina, that’s not- it makes things normal.” (S5/E11: 00:22:45) Ein physischer Streit entwickeln sich, der in einem Tötungsversuch endet, als BoJack, in der Rolle als Philbert, oder BoJack (an diesem Punkt ist die Rollenaufteilung endgültig unnachvollziehbar) Gina, bzw. ihre Rolle Sassy zu würgen beginnt und seinen Angriff erst unterbindet, als Mitarbeiter:innen der Show ihn von Gina losreißen. “What the fuck is wrong with you?” – Der letzte zu vernehmende Dialog, bevor BoJack zurück in seiner Halluzination die Treppen hinaufsteigt und sich selbst betrachtet.
The Showstopper zeigt die Realitätsverschiebung und die Vermischung der beiden Storylines äußerst geschickt und lässt die Rezipient:innen oftmals mit gleichschwerer Überraschung zurück, der sich auch der Protagonist ausgeliefert gegenübersieht. Bedingt durch eine gleiche, bzw. ähnliche Kulisse und durch BoJacks dauerhaftes Kostüm, ist es oft nur die ‚Belichtung‘, die verrät, ob gerade BoJack Horseman oder Philbert gesichtet wird. Dieser Vorfall und der eskalierende Absturz führen letztlich dazu, dass BoJack einsieht, professionelle Hilfe zu benötigen und diese in der nächsten Folge auch sucht.
Schließlich wird nun die letzte Folge – die vorletzte vor dem endgültigen Serienfinale – hinsichtlich der Motivik von Dunkelheit analysiert. Wohin führen die verschiedenen traumatischen Erfahrungen unseren Protagonisten; was lässt sich daraus ziehen und welche Konsequenz sieht BoJack selbst in seiner eigenen Geschichte?
The View from Halfway Down
„[W]hen was I swimming?” (S6/E15: 00:11:00)
Die der zu analysierenden Episode vorangehende Folge 14 der sechsten Staffel zeigt einen weiteren, wenn nicht gar den dramatischsten Absturz BoJacks, der eine Wahrheit in BoJack – aufgezeigt durch Angela, die er besucht – hervorlockt: „It’s funny, isn’t it? The things that matter? The truth is none of it matters and the truth is it all matters tremendously. It’s a wonder any of us ever get out of bed at all. And yet, we get out of bed.” (S6/E14: 00:16:50)
The View from Halfway Down beginnt, aus dem Gesamtkontext der Serie herausgezogen, mit BoJack und der jungen Sarah Lynn vor einer Haustür. Schon zu Beginn der Episode wird klar, dass es sich um keine Szene der realen diegetischen Wirklichkeit handeln kann, da der Altersunterschied von BoJack und Sarah Lynn zu groß ist. Spätestens als seine Mutter, gekleidet im Kleid, das sie trug als sie BoJacks Vater kennenlernte, jedoch nicht im dazu passenden Alter, die Tür öffnet, wird deutlich, dass eine Art von Traumsequenz, o.Ä. eingeleitet worden ist.
Seine Mutter reagiert gewohnt negativ auf die Blumen, die er als Gastgeschenk mitbringt. Als sie die Blumen samt Topf auf eine Kommode abstellt, beginnt eine schwarze Masse von der Decke auf sie herunterzutröpfeln; eine schwarze Masse, die sich durch den Verlauf dieser Episode, jedoch auch durch den Verlauf der gesamten Serie in unterschiedlichen Gewändern präsentiert. An der großen Tafel, an der einige von BoJacks Weggefährt:innen, die bereits gestorben sind, Platz nehmen und über den Sinn des Lebens und des Todes aus subjektiver Sicht philosophieren erkennt BoJack die dunkle Masse zum ersten Mal und wundert sich. Nach einigen Momenten erbricht er diese Masse auf den Tisch: „It must’ve been from swimming earlier.“ (S6/E15: 00:11:00) Ist es also der Tod, das Sterben, das sich hier als dunkle, alles durchdringende, ölige Masse vorstellt? Der Untergang, der sich einstellt, als er sich für ein Leben in Hollywoo(d) entscheidet? „See those tar pits? Hollywood’s a real pretty town that’s smack on top of all that black tar. By the time you realize you’re sinking, it’s too late. (S1/E8: 00:06:15) Ist BoJack, hilflos und dem black tar ausgeliefert, in jenen versunken, oder wie Secreteriat gesprungen? Wer trägt die Verantwortung für die schwarze Dunkelheit, die zunehmend alles vereinnahmt und nichts als sie selbst übrig- und zurücklässt. Trauma? Drogen? Psychische Veranlagung? Erziehung? Wie lange ließe sich die Liste vollführen, ohne zu einer Antwort zu gelangen. „Oh, you were swimming?“ (S6/E15: 00:11:00) “You know, sometimes I feel like I was born with a leak, and any goodness I started with just slowly spilled out of me, and now it’s all gone. And I’ll never get it back in me. It’s too late. Life is a series of closing doors, isn’t it?” (S1/E9: 00:24:17) Vielleicht ist das Hochwürgen der Dunkelheit auch Symbol für seine verlorene Güte und Tugend.
In dem am Tisch stattfindenden Gespräch über die jeweiligen besten und schlimmsten Momente des Lebens, findet BoJack in der Chance der Möglichkeit, sich und sein Leben ‚auszuprobieren‘ einen besten Moment – in einer Möglichkeit zur Wirklichkeit – in einer Transzendenz. Das erscheint sowohl tragisch wie auch romantisch. Das Beste an seinem Leben war der Moment, als ihm die Möglichkeit gegeben war, noch nicht ‚so zu werden‘, wie er wurde und Dinge (nicht) zu tun, die er im Verlauf seines Lebens tat.
Als sich die Gesellschaft dem nächsten Programmpunkt, der großen Show widmet, ist BoJack davon überzeugt, jeden Moment aufzuwachen, wie er es immer täte; was voraussetzt, dass dieser Traum[19] ein solcher ist, der ihm schon mehrmals begegnete: „Well, this is always the part where I wake up.“ (S6/E15: 00:11:50) Seine eigene Verwunderung über die schwarze Masse kündigt jedoch bereits an, dass sich dieses Traum*erlebnis von den anderen unterscheidet.
Im Moment von Sarah Lynns Auftritt in der Show bricht aus BoJack eine Entschuldigung heraus: „Sarah Lynn, I’m so sorry for everything that happened with you. With us. I should have protected you…” (S6/E15: 00:12:50) Am Ende ihrer Performance lässt sich Sarah Lynn, als würde sie in Wasser eintauchen, rückwärts, mit zugehaltener Nase durch eine Tür in eine Dunkelheit fallen. In BoJack löst dies einen Schrecken aus, der durch einen herangezoomten Close Up und einem schrillen Bläserklang Untermalung findet. In einer aufkommenden Panik versucht er herauszubekommen, wohin diese Dunkelheit führt und wohin schließlich Sarah Lynn gegangen ist.
Als er anschließend Secretariat/seinen Vater auf eine Zigarette nach draußen begleitet, gibt ihm Secretariat/sein Vater zu verstehen, dass am Ende jede:r, egal was vorher im Leben (nicht) erreicht und erlebt worden ist, gleich ist – das ließe sich zwar auch in einem positiven Licht sehen, doch scheint diese Weisheit von keiner Leichtigkeit begleitet zu sein: „[a]nd yet, here I am, same as you.“ (S6/E15: 00:16:00) Jede:r ginge zurück (ins Leben) und machte Dinge in einer anderen Art und Weise, wenn die Chance dazu da wäre. Nach dem Dialog der beiden und einer weiteren Beteuerung BoJacks, dass er gleich aufwache, eröffnet Secretariat/sein Vater ihm die Wahrheit und den Grund seines jetzigen Traum*erlebnisses und zeigt auf den Pool, in dem BoJacks Silhouette treibend zu sehen ist. Eine Panik lässt BoJack verzweifeln, er sucht nach einem Ausgang und versucht zu rekonstruieren, was passiert ist. Seine Panik spiegelt sich auch in dem Gedicht wider, das namensgebend für die Episode ist, und welches von Secretariat/seinem Vater vorgetragen wird: „I really should have thought / About the view from halfway down […] I wish I could have kown / About the view from halfway down“. (S6/E15: 00:19:50) Reue und Bedauern erwachsen zwischen den Zeilen und es wird schmerzlich klar, dass sich diese auch in BoJacks Reflexion des eigenen Lebens aufdrängen: Perspektive entscheidet über Sinn.
BoJack steht am Ende der Show vor der Tür zur Dunkelheit und fragt Herb, der als einziger noch übrig geblieben ist mit kleiner Stimme, wie nach einem aufgegebenen Kampf, fast kindlich: „Is it terrifying?“ (S6/E15: 00:22:40) Er schaut dabei herab in die Dunkelheit, aus der die Rezipient:innen heraus auf BoJack hinaufblicken. Herb antwortet: „No. I don’t think so. It’s the way it is, you know. Everything must come to an end, the drip finally stops.” “See you on the other side”, erwidert BoJack. “Oh, BoJack, no, there is no other side. This is it.” (S6/E15: 00:22:45) Herb löst sich in der Dunkelheit auf und BoJack bleibt erschrocken zurück. In einem letzten Anflug von Panik entscheidet er sich vor der Dunkelheit zu fliehen, er müsse noch einen Anruf tätigen. Die Dunkelheit beginnt alles zu vereinnahmen und BoJacks Angst steigert sich. Es scheint fast unumgehbar zu sein auch an Charlotte zu denken: „You know, you can’t escape… you.” (S2/E10: 00:20:15)
In einem weiteren erdachten Dialog mit Diane begreift BoJack, dass er sie nie angerufen hatte. Sein Anruf wurde vom Anrufbeantworter beantwortet und anschließend ist er zurück in den Pool gegangen. Auf die Frage, was er nun tun solle, antwortet Diane, dass es keinen Unterschied mache: „Well, if it doesn’t matter, can I stay on the phone with you at least?“ (S6/E15: 00:24:25) Der besiegte BoJack, der seiner Dunkelheit (dem Tod?) nicht zu entkommen vermag, möchte in seinem letzten Akt nicht allein sein. Doch die Dunkelheit nimmt ihn ein. Nach Aussage von seinem Vater wurde BoJack aus einem schwarzen Loch geboren, als dass er BoJacks Mutter bezeichnet: „You and the black hole that birthed you.“ (S5/E6: 00:01:40) – und in das er wieder zurückkehrt.
Die Folge endet mit dem Klang eines Herznullpunkts eines EKGs, das nach einer kurzen Weile ein rhythmisch stabiles Piepen von sich gibt. Erneut wurde hier die Chance nicht ergriffen, die Dramatik und die Schwere der Serie gebührend stehen zu lassen.
Die Konsequenz wäre in der außerdiegetischen Welt vielleicht nicht – zwar dennoch auch eine Art Triumph der Dunkelheit, aus der er kommt, in die er geht, die alles zu durchdringen und nie zu vergehen vermag, jedoch am Ende ‚überspielbar‘ bleibt und auf Dinnerpartys zu guter Unterhaltung führt – sondern schlichtweg der absolute Triumph der Dunkelheit, der Panik, des Todes und der Ungewissheit, in der das rhythmische Piepen des EKGs ausbleibt und die Dunkelheit nicht nur eine Begleiterin, sondern eine Eroberin wird. Ironischerweise wird mithilfe der ‚Hollywoo(d)kritik‘ der Serie zwar noch immer eine bojack-horsemaneske Wandlung eines Hollywood-Endes produziert, das kein klassisches Happy End darstellt – im Kontext und der Diegese von BoJack Horsemans jedoch das Potenzial für das tatsächliche Chaos, die unschlagbare Dunkelheit, tragisch versäumt: „You never get a happy ending, because there is always more show. I guess until there isn’t.” (S5/E6: 00:21:20) In diesem Fall folgt BoJack Horseman seinem eigenen Credo nicht – there is more show.
Synthese
BoJack Horseman ist eine ‚düstere‘ Serie, der es gelingt, eine Schwere zu erzeugen, die aufgrund der Animation(sart) eher an Gewicht zunimmt, als einbüßt. Trauma und Drogen bedingen sich gegenseitig und es entsteht ein komplexes (und zuweilen wirres) Bild einer Lebensgeschichte, der man beiwohnt und sich fragt, ob die Tränen das Lächeln zwischendrin rechtfertigen. Die drei vorgestellten Episoden sollten diesen Gang zwischen Exzess, Dunkelheit und Trauma vorstellen, um dabei herauszufinden, in welcher Weise die Serie diese Themenkomplexe darstellt.
Es bleibt die Frage, warum BoJack selbst in dieser Rechnung nicht härter ins Gericht zu nehmen ist.
Schluss
Warum bleibt BoJack Horseman trotz seiner offensichtlichen Fehltritte sympathisch? Ist er der klassische Antiheld, den man zurückweist und zu gleichen Teilen förmlich anhimmelt? Oder lässt sich im Spiegel seiner eigenen Dunkelheit das eigene, subjektive, außerdiegetische Chaos nachempfinden und den Drang dazu, ‚schwimmen zu gehen‘ und eine (existentialistische) Konsequenz aus den Wirrungen des Lebens zu ziehen, die dem Hedonismus mehr verfallen ist als dem Altruismus. Hilft man um der Hilfe wegen, oder um des guten Gefühls wegen? Was BoJack Horseman selbst nicht beantwortet, wirft die Serie in einer Intensität auf, die eben jene Offenheit und ‚Ungesichertheit‘ nahezu bewirbt und fordert und der sie selbst mit dem – so lässt sich sicherlich argumentieren – unglücklichen Ende der Serie nicht gerecht wird.
In einer nahezu ‚nackten‘ Art, der Authentizität wichtiger zu sein scheint, als der Umstand, erfolgreich zu sein, gelingt es der Serie unnachahmlich, die Dunkelheit eines Lebens in einer Weise darzustellen, die einen nicht (nur) traurig und handlungsunfähig zurücklässt, sondern die die Farbe eines Lebens ebenso wenig vergisst. Durch verwinkelte Figurenkonstellationen und verschiedenste Abenteuer, die die Protagonist:innen der Serie erleben, entsteht ein Bild, das dem realen Bild trotz/gerade aufgrund(?) ihrer speziellen Animationsart und dem Vermischen von Tier[20] und Mensch so nah scheint und dadurch ein sehr hohes Identifikationspotenzial erreicht.
BoJack Horseman bleibt ein multidimensionaler Charakter und BoJack Horseman eine multidimensionale Show, deren Gewicht unvergessen bleibt.
Literatur- und Medienverzeichnis
Literaturverzeichnis
Bradley, Laura (2018): How BoJack Horseman Uses Animation to Express the Surreal Misery of Trauma. In: VANITY FAIR. URL: https://www.vanityfair.com/hollywood/2018/09/bojack-horseman-season-5-lisa-hanawalt-interview. (Zugriff: 25.07.2022).
Falkai, Peter/Wittchen, Hans-Ulrich/Döpfner, Manfred/ Gaebel, Wolfgang/Maier, Wolfgang/ Rief, Winfried/ Saß, Henning/ Zaudig, Michael (Hrsg.) (2018): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5®. 2. Auflage. Göttingen: Hogrefe.
Hänselmann, Matthias C. (2016): Der Zeichentrickfilm. Eine Einführung in die Semiotik und Narratologie der Bildanimation. In: Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Band 8. Marburg: Schüren.
Keutzer, Oliver/Lauritz, Sebastian/Mehlinger, Claudia/Moormann, Peter (Hrsg.) (2014): Filmanalyse. Wiesbaden: Springer VS.
Margraf, Jürgen/Schneider, Silvia (Hrsg.) (2019): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2. Psychologische Therapie bei Indikationen im Erwachsenenalter. 4. Auflage. Berlin: Springer.
Reinerth, Maike Sarah (2013): Animationsfilm. In: Kuhn, Markus/Scheidgen, Irina/ Weber, Nicola Valeska (Hrsg.): Filmwissenschaftliche Genreanalyse. Eine Einführung. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 319–337.
Ruglass, Lesia M./Kendall-Tackett, Kathleen (2015): Psychology of Trauma 101. In: Kaufmann, James C. (Hrsg.): The Psych 101 Series. New York: Springer Publishing Company.
Medienverzeichnis
BoJack Horseman (Raphael Bob-Waksberg, USA 2014–2020).
Oberhofer (2015): Sea of Dreams. Chronovision.
Nina Simone (1987): Stars. Let It Be Me.
[1] BoJack Horseman (Raphael Bob-Waksberg, USA 2014–2020), gestreamt über NETFLIX.
[2] Im Sinne einer ethischen Grundhaltung, die Freiheit insofern rechtfertigt, dass sie dort endet, wo sie die Freiheit Anderer beschränkt.
[3] Hierzu sei erwähnt, dass es in dieser Arbeit nicht möglich sein wird, auf den Komplex der Adult Animation in einer durchaus benötigten Aufrichtigkeit einzugehen, um sich einer Korrelation von Animation und Ernsthaftigkeit/Realität zu nähern. Dennoch wird nachgezeichnet werden können, wie BoJack Horseman Animation dazu nutzt, auch komplexere Strukturen (und Traumata) einzigartig zu illustrieren. Dies wiederum dient induktiv dazu, nachzuvollziehen, welch umfassendes Potenzial in der Animation im Allgemeinen liegt.
[4] An dieser Stelle sei auf den Stil Lisa Hanawalts, production designer und producer der Serie, hingewiesen, der die diegetische Welt von BoJack Horseman zumeist nicht mit Hinblick auf eine ‚Detailversessenheit‘ konzipiert und aus all der ‚Einfachheit‘ der umgebenen Welt eine tiefe Komplexität erblühen lässt, die den Charakteren der Serie mit allen Facetten ausstattet, die für einen verwirklichten und funktionierenden Austausch von Emotionen und Glaubhaftigkeit Verantwortung trägt.
[5] Ziel dieser Arbeit soll jedoch nicht sein, BoJacks psychischen Zustand zu diagnostizieren, um ihn klinisch als Traumatisierten, oder als ‚Person‘/Figur mit PTSD zu definieren, sondern mithilfe des wissenschaftlichen Standards der Forschung nachvollziehen zu können, was für psychische Prozesse in der Serie ihre Behandlung finden und wie diese in die Darstellung übergehen.
[6] Michael, Tanja/Sopp, Roxanne/Maercker, Andreas (2019): Posttraumatische Belastungsstörungen. In: Margraf, Jürgen/Schneider, Silvia (Hrsg.) (2019): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2. Psychologische Therapie bei Indikationen im Erwachsenenalter. 4. Auflage. Berlin: Springer, S. 106.
[7] Ruglass, Lesia M./Kendall-Tackett, Kathleen (2015): Psychology of Trauma 101. In: Kaufmann, James C. (Hrsg.): The Psych 101 Series. New York: Springer Publishing Company, S. 4.
[8] Ebd.
[9] Falkai, Peter/Wittchen, Hans-Ulrich/Döpfner, Manfred/ Gaebel, Wolfgang/Maier, Wolfgang/ Rief, Winfried/ Saß, Henning/ Zaudig, Michael (Hrsg.) (2018): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5®. 2. Auflage. Göttingen: Hogrefe, S. 374.
[10] Ebd., S. 361.
[11] Michael, Tanja/Sopp, Roxanne/Maercker, Andreas (2019): Posttraumatische Belastungsstörungen, S. 106.
[12] Ebd., S. 109.
[13] Ebd.
[14] Oberhofer (2015): Sea of Dreams. Chronovision.
[15] Bradley, Laura (2018): How BoJack Horseman Uses Animation to Express the Surreal Misery of Trauma. In: VANITY FAIR. URL: https://www.vanityfair.com/hollywood/2018/09/bojack-horseman-season-5-lisa-hanawalt-interview. (Zugriff: 25.07.2022).
[16] Auch deshalb, so sei an dieser Stelle gesagt, kann selbstverständlich kein Vollständigkeitsanspruch an diese Arbeit gestellt werden. Das muss es jedoch auch nicht, denn es wird anhand dieser getroffenen Auswahl zu erkennen sein, wie es der Serie gelingt, bei ihrer Vielfältigkeit auch immer eine unheimliche Nahbarkeit zu behalten.
[17] Nina Simone (1987): Stars. Let It Be Me.
[18] True Detective (Nic Pizzolatto, USA 2014–2015, 2019). Auch das Intro erinnert in seinem Ton an gleichartige Detektivserien.
[19] Was der dargestellte Zustand, der Ort und die Gesellschaft tatsächlich ist, bleibt unbeantwortet und lädt letztlich lediglich zur Interpretation ein. Herb beschreibt es innerhalb dieses Ortes folgendermaßen: „BJ, there is no place. It’s just your brain going through what it feels like it has to go through. All you can do right now, is sit back and enjoy the show.“ (S6/E15: 00:20:40) Es scheint im Hinblick auf die die Serie abschließende Folge beinahe eine verpasste Chance, diese Frage unaufgelöst dastehen zu lassen und die Rezipient:innen in einem inneren Konflikt zwischen Nachwelt, Traum und Halluzination schwelgen zu lassen und damit auch dem Protagonisten die Freiheit einer Unlösbarkeit zu gönnen.
[20] Der problematische Kollektivsingular „Tier“ soll hier stellvertretend für sämtliche nichtmenschliche Wesen stehen.