2022

Ein Glaube an eine Tatsächlichkeit im Aushalten des Ungewissen

Abstract

„Schein ist das Wesen der Zeit“[1]. Der Schein als Schleier, wie es Derrida ausdrücken würde, der uns vor einem Zustand der Wissenschaftlichkeit hindert, weil er das, was ist, entweder nicht für erreichbar oder aber es für unzumutbar hält. Was tun, wenn er (der Schein/der Schleier) bleibt, bleiben muss, weil das, was im Ungewissen schlummert, mitunter auf ewig verborgen bleibt. Was bedeutet eine Realität für den Menschen, die er niemals zu Gesicht bekommt? Ist es gerechtfertigt an die Stelle eines gesicherten, nachprüfbaren Wissens etwas zu stellen, das Menschen zwar tröstet, aber sie vermeintlich belügt und gewiss aber trennt? Mithilfe Feuerbachs Überlegungen und Marx‘ und Engels Anmerkungen zu diesen, jedoch auch in Rücksicht auf den heutigen Diskurs, soll ent-schleiert werden (dé-voiler)[2], was es mit der Unsicherheit auf sich hat und wozu eine Akzeptanz ihrer Wahrheit dienlich sein könnte.

Der Ausgang

„Der Ton der ›guten Gesellschaft‹, der neutrale leidenschaftslose Ton konventioneller Illusionen und Unwahrheiten ist nämlich der herrschende, der normale Ton der Zeit – der Ton, in welchem nicht etwa nur die eigentlich politischen, was sich von selbst versteht, sondern auch die religiösen und wissenschaftlichen Angelegenheiten, mithin auch Übel der Zeit behandelt und besprochen werden müssen.”[3]

Ludwig Feuerbach beschreibt Wahrheit als die „Grenze der Wissenschaft.“[4] Wissenschaft zu betreiben ließe sich also als Prozess der Orientierung an der Wahrheit und dem Anstreben des Erreichens dieser definieren. Paradoxerweise ist dieses Erstreben trotz eines möglichen und zumindest aus heutiger Sicht wahrscheinlichen Nicht- (und Niemals-)Erreichens eines absolut ‚wissenschaftlichen‘ Zustands unabdingbar. Denn Dieses Streben führt zu einer gewissen Haltung und zu einer Prozesshaftigkeit, die ein mögliches (unmögliches) Ziel vor Augen behält. Wohin dieser ‚ziellose‘ Weg einen führt, bleibt offen, aber dass er einen nicht zu einer ‚weltlichen‘ Religion bringt, scheint klar.

Was wartet auf dem Weg ins Ungewisse? Wie ist dieser Weg ohne Heil[5] auszuhalten und was bedeutete eine konsequente Umsetzung und ein Folgen eines Weges ohne Ziel? Ist das überhaupt möglich, oder verstrickt man sich in der Ablehnung von Ideologien in eigene unreflektierte Ideologien, die nach und nach an die Oberfläche gelangen, so wie sie es in der Vergangenheit und in Beispielen taten, die im Folgenden u.a. anhand eines Marxschen Messianismus ihren Auftritt finden werden.[6] So wie Marx und Engels Feuerbachs Thesen in die Verlängerung brachten und einer weiteren ‚Radikalisierung‘ unterzogen, ist es mitunter nun an der Zeit eine ähnliche Gnadenlosigkeit bezüglich dieser Arbeit an den Tag zu legen; was nicht bedeutet, dass dies nicht bereits in anderer Form und in zahlreichen Arbeiten getan (/versucht) worden ist.

Ein erhebliches Gewicht dieses Essays wird die Frage nach Perspektiven einnehmen: Wie kann es uns gelingen, durch einen beharrlichen und kontinuierlichen Perspektivenwechsel in empathischer Manier anzuerkennen, dass der Mensch kein so spezielles Wesen darstellen kann, als dass ihm die Antwort (das Ziel) des Universums in den Schoß fallen könnte. Öffneten wir uns empathisch aus unserer Subjektivität heraus und entdeckten, was ‚um uns herum passiert‘, dann sähen wir „that there exist, alongside ours, endless other worlds—utterly ›Other‹, inhuman worlds. Enigmatic, foreign, hidden animal worlds. Worlds without human contours. Worlds with nonhuman centers.”[7] In der Akzeptanz und im Anerkennen von Welten ohne menschliche Berührungen und Bezüge wird uns unsere tatsächliche Größe im Kosmos bewusst. Diese Gewissheit wird Folgen aufweisen, die eine Integration von menschengemachter Religion in unsere Leben inakzeptabel dastehen lassen.

Vielleicht verhält es sich in dem Ablegen von Ideologien in gleichzeitiger Produktion von eigenen Ideologien wie mit Feuerbachs Vorstellung von Wahrheit – vielleicht ist dieser Zustand ein unerreichbarer und trotzdem ist eine Bewegung hin zu dieser Unerreichbarkeit mehr als erstrebenswert und absolut lukrativ.

Ein Blick zurück

Ideologien gebären Ideologien gebären Ideologien

So why waste time over the appearance of an appearance?”[8]

Für Marx waren Feuerbachs Überlegungen nicht weit, nicht radikal genug. Generell lässt sich sein berühmter ‚Satz‘ – die 11. These über Feuerbach als kleine Überschrift dieses Unterkapitels führen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“[9] Ein etwaiges Abdriften in einen weiteren idealistischen Fehlschluss, der sich zu weit von einer möglich werdenden Realität entfernt, sieht Marx als gefährlich an. Feuerbachs Idee von Wahrheit sei nach Marx demnach zu scholastisch[10] – der Mensch muss in seinen jeweiligen Lebenszusammenhängen gesehen und beurteilt werden und kann nicht als isoliertes Abstraktum interpretiert werden.

Soweit die explizite Kritik Marx‘ an Feuerbach – ihm fehlt sozusagen das Material, die tatsächliche Lebensgestaltung des Menschen in all seinen Zusammenhängen und gesellschaftlichen Verflechtungen. Eben aufgrund des mangelnden, bzw. fehlinterpretierten Materialismus ist Feuerbach noch immer in einem idealistischen Zustand gefangen, der nicht weit genug führt – die Frage ist, führt Marx weit genug? Ist er von idealistischen Grundsichten frei, oder lässt sich bei ihm eine ähnliche Realitätsentfernung feststellen, deren Überwindung einer Notwendigkeit gleichkäme? Was fehlt Marx zum Schritt in die Realität – oder: Welche Unsicherheit kann er selbst (noch) nicht aushalten?

Spätestens beim Stellen dieser Frage, stolpert man über den Begriff des marxschen Messianismus. „Zwei Kernpunkte machen dabei den religiösen Charakter des Marxismus aus. Erstens die Prophezeiung eines Endzustands der Geschichte und zweitens der Historische Materialismus, der ein von den Menschen unabhängig agierendes System darstellt.“[11] Marx‘ Menschenbild, so ließe sich sagen, weist in umgekehrter Weise einen idealistischen Charakter auf, der das System menschenunabhängig werden lässt, so wie zuvor der Mensch bei Feuerbach systemunabhängig gewesen zu sein scheint. Schwerer scheint jedoch ersterer Punkt zu wiegen. Der Zustand eines heilbringenden kommunistischen Systems, der den jetzigen (und damals jetzigen) Kapitalismus wird überwinden können und somit den Menschen zu seiner Menschlichkeit (zurück-)zu führen vermag. Eine etwaige Garantie für einen wirklich erlösenden Kommunismus, der eintreten wird, gibt es sicherlich nicht, auch wenn dieser auch von Marx nicht ex nihilo erzeugt wird. Doch auch sind die christlichen (und weiteren religiösen) Heilsversprechen nicht vollkommen und nur auf nichts, als auf projizierter und verzweifelter Hoffnung erbaut.

Was ist also das Problem eines Endzustandes (eines Heils), das wie auch immer und in welchem Gewand auch immer zum Vorschein tritt? Wenn das Ziel die Auferstehung und das Seelenheil ist, oder die Wiedergeburt, um alte Fehler neu zu korrigieren, oder auf welthistorischer Ebene ein System, das die Gerechtigkeit aller Menschen in den Fokus rückt, dann ist der Weg hin zu einem solchen Ziel doch sicherlich kein schadhafter?

Warum ist es sehr wohl ein zutiefst schadhafter? Gibt es eine heillose Alternative, die sich auf einen ungesicherten Weg begibt mit                        als Ziel? Oder ist dieser Wunsch, dieser Gedanke[12] an sich bereits und wiederrum, erneut ein in ein wissenschaftliches Kleid gepresster Idealismus? Und dann: Ist jeglicher Idealismus per se abzulehnen? Weshalb?

Eine neue Ideologie

Ist Ideologie per se und stets verwerflich?

Wir, als Earthlings[13] leben auf einem Pale Blue Dot.[14] Dieser blaue Punkt, im Netz von zahllosen Galaxien nicht einmal auffallende Fleck in den Weiten des Universums weist ein Gewicht von etwa 5,972 Trilliarden Tonnen auf. Wir sind Pakete aus sich bewegender Energie, die auf diesem Klumpen von wiederum sich bewegender Energie herumlaufen, zusammengesetzt aus – genau – sich bewegender Energie. Nun, das Spiel, das sich einerseits nach außen hin spielen lässt, in dem Folgen galaktischer Spuren in die Grenzen des Kosmos, in denen alles, was vortritt schlicht sich bewegende Energie zu sein scheint, lässt sich in ähnlicher Art in die andere Richtung spielen. In die Reise ins Innerste, wo letztlich alles, was vortritt schlicht sich bewegende Energie zu sein scheint.

Aus einer energiefokussierten Sicht, die sich den kleinsten (und größten) Teilchen der Existenz auf physikalischer Ebene auseinandersetzt, gibt es in der Materie keine wirklichen Unterschiede. Lediglich die genauen Zusammensetzungen von Atomen (und in kleinerem Rahmen Atomteilchen/Quanten, etc.) scheint darüber Auskunft geben zu können, wie etwas beschaffen ist.

An den Grenzen der klassischen Physik werden uns Wahrheiten begegnen, die unser Verständnis von Allem umstülpen werden. „Ein charakteristisches Merkmal der klassischen Theorien ist ihr Determinismus, nach dem aus der Kenntnis aller den Zustand des Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt definierenden Größen der Zustand zu allen späteren Zeiten bereits eindeutig und mit vollständiger Bestimmtheit festgelegt ist.“[15] „Betrachtet man physikalische Prozesse, deren dynamische Ausmaße so gering sind, daß das makrophysikalisch winzige Plancksche Wirkungsquantum […] nicht mehr als relativ klein angesehen werden kann, so treten gewisse Quantenphänomene in Erscheinung, die mit der klassischen Physik nicht erklärbar sind.“[16]

Die unserer Arbeit fruchtbarsten Erkenntnisse der Quantenphysik – und diesem (zu) kleinen Exkurs) sind sicherlich (zumindest) diese: (1) Auf kleinster Ebene ist die Materie nicht statisch, sondern bewegt, (2) diese Materie ist in allen (bekannten) Dingen – wie eingangs bereits erwähnt – die gleiche. Man stelle sich vor, diese Wahrheiten fänden ihren Weg in die Alltäglichkeit. Befänden sich andere Sinnesorgane in uns, die Atome sichtbar machten und die Beweglichkeit ihrer Kerne hervorhöben, dann müssten wir uns selbst und unserer Umwelt viel beweglicher gegenüberstellen, weil wir, um diese (Quanten-)Wahrheiten zu erkennen, unsere Perspektive nicht einmal mehr ändern müssten. Das Schöne jedoch und das, aus dem eine Hoffnung zu erwachsen vermag, ist dieses erfinderische, empathische Potential der Menschheit, sich in Anderes hineindenken zu können. Auch wenn dieses Ziel (Heil) einer vollkommen gewechselten Perspektive nicht zu erreichen ist, der Weg bereichert nicht nur denjenigen Menschen, der sie beginnt.

An dieser Stelle drängt sich ein Vermerk zu Jacques Derrida beinahe auf, dem es gelingt, diesen ‚Kern‘, der keiner mehr ist, da er nicht mehr als statisch angesehen werden kann, in Bezug auf Sprache und Bedeutung nicht nur gefunden, sondern auch als différance für immer sichtbar gemacht zu haben: Schon die Bestimmung des ‚Charakters‘ des Wortes der différance ist mit Schwierigkeiten belegt. So kann nicht von einem Begriff(/Wort) im klassischen Sinne gesprochen werden: Derrida selbst beschreibt die différance als Bündel, der „den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Bindens hat, welches die unterschiedlichen Fäden und die unterschiedlichsten Linien des Sinns […] wieder auseinanderlaufen läßt, als sei sie bereit, andere hineinzuknüpfen.“[17] Diese Dynamik, die er dem Sinn entnimmt, lässt Derrida eine „Kritik der Versuche einer Letztbegründung“[18] zu führen. Die différance (und die Dekonstruktion) als Quantenphilosophie. Die Wahrheit der Beweglichkeit als Philosophie der Perspektive.

In Bezug auf den Menschen und sein Verhältnis zu seiner Umwelt ist ein Versuch einer Letztbegründung gefährlich – nicht nur in einer etwaigen negativen Konsequenz für Rezipient:innen unseres Verhaltens, sondern auch in der schlichten Erkenntnis um den eigenen Platz, die eigene Größe und Bedeutung im Kosmos, denn wann immer behauptet wird, diese Letztbegründung gefunden zu haben, das Heilsversprechen (wo immer es auch herkommt) anzuerkennen, wird sich von anderen entfernt. Mein Credo ist zu gleichen Teilen mein Nicht-Credo deines Credos. Bin ich Christ:in, bin ich nicht Muslim:in, nicht Buddhist:in, nicht Agnostiker:in. Bin ich Deutsche:r, bin ich nicht Palästinenser:in, nicht Finn:in, ad infinitum. In einem weiteren Wechsel von Perspektiven sind auch Länderzugehörigkeiten (und viele weitere Dinge) reflexionsbedürftig.

Führt dieser Weg umweglos zum Nihilismus? Oder befreit er uns von irdischen Foltern und Ungerechtigkeiten, Lügen und Scheinwahrheiten. Was das Ziel einer solchen (kosmischen/universalen) Perspektive auch ist – der Weg ist lukrativ, weil er eint. Aus dieser Perspektive wird gleich(-wertig), was einst getrennt war. In der kosmischen Einheit wird eine Letztbegründung (und ein Idealismus?) unmöglich. Wir alle wären Earthlings.

Eine Beantwortung auf die ‚letzten großen Fragen‘ und ein Heilsversprechen sind aus dieser Perspektive sicherlich nicht zu erwarten. Aus subjektiver Sicht ist es immer noch notwendig, seine eigene Existenz in Relation zu Allem zu setzen und zu bewerten, doch eine menschengemachte Religion kann es nicht mehr sein, die einem eine solche ‚Sicherheit‘ reichen könnte. Ist der Glaube an eine schöpfende Kraft zu rechtfertigen? Schon. Doch ein Glaube in ausreichender Abstraktion ist nichts, womit sich Kreuzzüge führen ließen, oder womit sich (politische) System in heutiger Art rechtfertigen ließen.

Und das Geheimnis

The secret is tied to what we said of the truth – and of the im-possible. It is not only that which one hides. It is existence itself. However close I am to the other, even in fusioning »communion« or erotic ecstasy, the secret is not revealed. The other is separated. We speak French, therefore Latin: secernere is to separate. This interruption is not negative. It makes possible (donne sa chance à) the encounter, the event, love itself.[19]

Was fehlt, ist genügend Kraft und Trost, damit sich die großen Ungewissheiten aushalten lassen. Wohin projizieren wir unsere (Todes-)Angst und wie übersetzen wir dieses Aushalten der Ungewissheit in eine gelebte Realität? Denn, was auch nicht in Vergessenheit geraten darf, ist die subjektive Perspektive des irdischen Lebens. So wahr unser kosmischer Ort auch sein mag, so wahr ist unsere ‚nachbarschaftliche‘ und subjektive Lebenssituation.

Die traurige Antwort dürfte sich mithilfe eines Achselzuckens vorstellen. Das Ziel ist verschwommen – das Heil nicht nur nicht garantiert, sondern absolut beliebig. Entscheidend ist die Perspektive, ist die Gangart, unsere Haltung und eine immer und immer wieder einkehrende und reflektierende Bewegung – nicht mit einem (mehr oder minder konkreten) Ziel – sondern um auf der Suche nach links und nach rechts und in alle Richtungen zu schauen, um zu vergleichen, neue Rhythmen der Durchquerungen[20] zu finden, zu denken, zu reflektieren. „Es gibt (ohne daß darum alle gleichwertig wären) nichts als solche Durchquerungen.”[21] Das Ziel ist kein Punkt. Das Ziel ist diese Bewegung und der immer wieder neu entstehende und andersartige Prozess der Durchquerungen, ohne dieses Eine zu finden, den Kern oder das Ziel eines (menschengemachten) Heilsversprechens.

Und innerhalb dieser Bewegung, auf dem Strom unserer Existenz, in der wir uns einander im Rhythmus angleichen, wird das nicht-mehr-vorhandene Ziel/Heil unerheblich. Der Weg vereint uns, der Zustand, in dem wir uns bewegen.

Und jetzt?

„[S]ittlich ist die taktlose Halbheit, aber unsittlich die ihrer selbst gewisse und sichere Ganzheit, sittlich der liederliche Widerspruch, aber unsittlich die Strenge der Konsequenz, sittlich die Mittelmäßigkeit, weil sie mit nichts fertig wird, nirgends auf den Grund kommt, aber unsittlich das Genie, weil es aufräumt, weil es seinen Gegenstand erschöpft – kurz sittlich ist nur die Lüge, weil sie das Übel der Wahrheit oder – was jetzt eins ist – die Wahrheit des Übels umgeht, verheimlicht.”[22]

Wie ließe sich eine solch unpopuläre Meinung verbreiten? Wie sähe das aus, wenn Menschen einem Weg folgten, anstatt einer Destination? Trügen wir ein uns gleichmachendes Abzeichen, das uns als ‚Durchquerer:innen‘ markiert, oder lebten wir in stillem Einvernehmen miteinander? Was gewiss mitschwingt ist ein Horizont der Utopie. Auch wenn es etwas Zielloses ist, das hier ein Anstreben gefunden haben soll, so ist dieser Zustand einer immerwährenden Bewegung, ein Zustand einer finalen Akzeptanz von einer ziel(/heil-)losen Welt, wenn man sagen möchte, wieder ein Ziel. Erneut eine Ideologie, die sich (wirklich?) einer Lebensrealität zu widersetzen versucht und den Menschen aus seiner Subjektivität hin in eine ‚sich-bewegende‘ Energie umstülpen möchte, die es (noch) nicht ist. Eine neue Perspektive als Messias, die uns ein heilloses Heil verspricht. Welch verfluchte Ideologie. Oder das einzige Ziel, dem es sich zu folgen lohnt.

Was muss zuerst kommen – das Ei oder das Huhn? Ein neues System, das uns das Einnehmen von ‚radikale(re)n‘ Perspektiven ermöglicht, da wir uns endlich, wie ‚im Kommunismus angekommen‘, nicht mehr als Arbeitskraft, sondern als Menschen – als Durchquerer:in – identifizieren können; oder verschränkt sich unser weltliches Lebenssystem aufgrund unserer Bemühungen? Wie?

“When I take an action on the world, something genuinely new comes out.”[23] Was klingt, wie aus einem Sprüche-Kalender herausgezogen, birgt eine Wahrheit an sich, die die Frage aus dem vorangehenden Absatz zumindest zu einem Teil einer Beantwortung näherbringen könnte. Wie so vieles, wird sich vermutlich auch dieser Weg nur mühselig und als bottom-up Prinzip in die Welt begeben können. Was nicht funktioniert ist, wie Marx sicherlich unterschreiben würde, die Philosophie hinter dem Weg in der Theorie zu belassen und die Praxis der tatsächlich gelebten Welt zu ignorieren. Der Blick auf den Menschen als kosmisches Lebewesen mag noch verhangen sein, doch kann sich eine Wahrheit nicht für immer hinter einem Schleier einer humanzentrierten Sichtweise verstecken – sie braucht nur etwas Zeit. Im Hinblick auf andere Wahrheiten, die einen ähnlich mühseligen Gang zu gehen hatten und nach und nach in die Praxis hinübergehen konnten, so bleibt auch in dem Weg des ‚radikalen Wechsels von Perspektiven‘ die Hoffnung auf ein Übergehen in die gelebte Welt, raus aus den Studierzimmern und Köpfen,[24] um herauszutreten und einander anzuerkennen[25], und zu der Überzeugung kommen zu können, uns „selbst nicht als außergewöhnlich zu sehen.“[26] Zumindest nicht als außergewöhnlicher!

Der Mensch, der alles verdient

Das Unverständnis, dass sich Menschen als Zentrum des Universums ansehen, denen es zukommt, eine eigene humanzentrierte Religion zu erhalten, die sie auch noch an die Spitze der Schöpfung stellt, in der nur sie die Wichtigkeit erhalten, entweder ein Afterlife, eine Reinkarnation oder sonstige nachweltliche Versprechungen einlösen dürfen, war nie größer. Wie rechtfertigt sich die angebliche Wichtigkeit einer Spezies gegenüber einer anderen (und allen weiteren; auch denen die noch ‚auf unsere Entdeckung warten‘)? Nur aufgrund des menschlichen Bewusstseins und des Menschseins?[27]

Ließe sich im Auge der unendlichen uns umgebenden Größe nicht viel mehr erdenken? Bewusstsein, das unseres in einer Art übersteigt, dass wir es zu erdenken nicht einmal in der Lage sind- Müsste uns diese Gabe zur beinahe grenzenlosen Imagination innerhalb unseres Wissens nicht auf eine Weise demütigen, dass es uns den Sockel jeglicher menschengemachten Religion erbarmungslos von den Fersen zieht? Warum ist es so schwer, sich von einem Heilsversprechen loszusagen? Wartet auf uns nicht eine vereinende – absolut erschütternde – Wahrheit, die wir teilen?

Teilten wir diese Wahrheit, lebten wir sie und ließen sie übergehen in die Praxis unserer Lebensrealitäten, hielten wir einander die Hände und gingen gemeinsam in die Ungewissheit, anstatt über Grenzen zu streiten, die schon aus nächster Nähe an Lächerlichkeit kaum zu überbieten sind – wie sähen diese Grenzen aus einer Entfernung aus, die uns (noch) unvorstellbar scheint? Sie wären nicht mehr da. Nur eine dunkle Erinnerung an unaufgeklärte(re) Zeiten, die nur darauf warteten von neuen Erkenntnissen überrumpelt zu werden.

Diese Unsicherheit vereinnahmte uns und verlangte Demut.

Diese neue Grenzenlosigkeit machte uns frei.

Dieses Potential ist mehr als real.

Into the unknown.

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“[28]

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Bennington, Geoffrey/ Derrida, Jacques: Jacques Derrida. Ein Portrait. Frankfurt a. Main 2017.

Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Frankfurt a. Main 2006.

Cixous, Hèlène: White Ink. Interviews on Sex, Text and Politics. New York 2008.

Derrida, Jacques: Die différance. In: Engelmann, Peter (Hrsg.): Randgänge der Philosophie. Wien 1988.

Derrida, Jacques/Cixous, Hélène: Voiles. Schleier und Segel. Wien 2007.

Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion. Ausgewählte Texte zur Religionsphilosophie. Hg. und eingeleitet von Albert Esser. 4. Aufl. Darmstadt 2005.

Marx, Karl: Thesen über Feuerbach. In: Marx, K. & Engels, F. Werke / Karl Marx; Friedrich Engels. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Bd. 3: 1845 bis 1846, 4. Aufl.). Berlin 1969, S.5–7.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der kommunistischen Partei. In: Marx, K. & Engels, F. Werke / Karl Marx; Friedrich Engels. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Bd. 4). Berlin 1959, S. 459–493.

Nolting, Wolfgang: Quantenmechanik – Grundlagen. 7., aktualisierte Auflage. In: Grundkurs Theoretische Physik. Band 5/1. Berlin 2009.

Peña-Guzmán, David M..: When Animals Dream. The Hidden World of Animal Consciousness. New Jersey 2022.

Ranciére, Jacques: The Philosopher and His Poor. London 2003.

Sekundärliteratur

Derrida, Jacques/Cixous, Hélène/Armel, Aliette/Thompson, Ashley: From the World to Life: A Dialogue between Jacques Derrida and Hélène Cixous. In: New Literary History. Band 37. Heft 1. Baltimore 2006.

Crease, Robert P.: When physicists and philosophers realize they share a noble truth. https://physicsworld.com/a/when-physicists-and-philosophers-realize-they-share-a-noble-truth/. Zuletzt aufgerufen am: 05.11.2022, 11:10 Uhr.

Klein, Matthias: Zur Ideengeschichte – Die Heilslehre des Marxismus. https://anbruch-magazin.de/heilslehre-des-marxismus/. Zuletzt aufgerufen am: 05.11.2022, 11:30 Uhr.


[1] Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion. Ausgewählte Texte zur Religionsphilosophie. Hg. und eingeleitet von Albert Esser. 4. Aufl. Darmstadt 2005, S. 53.

[2] Derrida, Jacques: Un ver à soie. Ein Seidenwurm (seiner selbst). Auf die andere voile geheftete Blickpunkte. In: Derrida, Jacques/Cixous, Hélène: Voiles. Schleier und Segel. Wien 2007, S. 34

[3] Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion, S. 53.

[4] Ebd., S. 54.

[5] Auf die problematische Sicht eines (Seelen-)Heils soll im weiteren Verlauf eingegangen werden.

[6] An dieser Stelle sei zumindest erwähnt, dass sich eine ausführliche Marx/Engels-Rekapitulation in dieser Arbeit nicht wiederfinden wird. Für meine Argumentation wird eine gewisse Ironie in der ‚Anschuldigung‘ an Feuerbach wichtig, die sich als – entweder – paradox, zumindest jedoch als reflexionswürdig präsentieren wird und eigene ‚ideologische‘ Falltüren in dem Versuch über Ideologie an sich zu richten/streiten, aufweisen kann.

[7] Peña-Guzmán, David M..: When Animals Dream. The Hidden World of Animal Consciousness. New Jersey 2022, S. 7.

[8] Ranciére, Jacques: The Philosopher and His Poor. London 2003, S. 130.

[9] Marx, Karl: Thesen über Feuerbach. In: Marx, K. & Engels, F. Werke / Karl Marx; Friedrich Engels. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Bd. 3: 1845 bis 1846, 4. Aufl.). Berlin 1969, S.7.

[10] Vgl. Ebd., S. 5.

[11] Klein, Matthias: Zur Ideengeschichte – Die Heilslehre des Marxismus. https://anbruch-magazin.de/heilslehre-des-marxismus/. Zuletzt aufgerufen am: 05.11.2022, 11:30 Uhr.

[12] Ein Gedanke, der im Folgenden eine genauere Definition erhalten soll.

[13] Vgl. dazu auch Earthlings (Shaun Monson, USA 2005).

[14] Carl Sagan prägte diesen Begriff. Ein weiteres Folgen seiner Spuren sei hier wärmstens empfohlen.

[15] Nolting, Wolfgang: Quantenmechanik – Grundlagen. 7., aktualisierte Auflage. In: Grundkurs Theoretische Physik. Band 5/1. Berlin 2009, S. 4.

[16] Ebd., S. 6.

[17] Derrida, Jacques: Die différance. In: Engelmann, Peter (Hrsg.): Randgänge der Philosophie. Wien 1988, S. 30.

[18] Gawoll, Hans-Jürgen: Spur: Gedächtnis und Andersheit: Teil II: Das Sein und die Differenzen – Heidegger, Levinas und Derrida. In: Archiv für Begriffsgeschichte. Band 32. Hamburg 1989, S. 284. 

[19] Derrida, Jacques/Cixous, Hélène /Armel, Aliette/ Thompson, Ashley: From the World to Life: A Dialogue between Jacques Derrida and Hélène Cixous. In: New Literary History. Band 37. Heft 1. Baltimore 2006, S. 13. Auch: Cixous, Hélène: White Ink. Interviews on Sex, Text and Politics. New York 2008, S. 178.

[20] Vgl. Bennington, Geoffrey/ Derrida, Jacques: Jacques Derrida. Ein Portrait. Frankfurt a. Main 2017., S. 70

[21] Ebd., S. 72.

[22] Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion, S. 54.

[23] Crease, Robert P.: When physicists and philosophers realize they share a noble truth. https://physicsworld.com/a/when-physicists-and-philosophers-realize-they-share-a-noble-truth/. Zuletzt aufgerufen am: 05.11.2022, 11:10 Uhr.

[24] Vgl. Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Frankfurt a. Main 2006., S. 712.

[25] Vgl. Ebd., S. 730 ff.

[26] Ebd., S. 728.

[27] Mensch lediglich definiert als nicht Nicht-Mensch. Denn auch, wenn es distinkte Unterschiede zu nicht-menschlichen Spezies gibt, so ist der Mensch wenn auch von anderer Beschaffenheit, nicht von anderem Wert gegenüber Anderem.

[28] Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der kommunistischen Partei. In: Marx, K. & Engels, F. Werke / Karl Marx; Friedrich Engels. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Bd. 4). Berlin 1959, S. 482.

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